In Deutschland sind schätzungsweise 1,4–1,5 Millio-
nen Menschen medikamentenabhängig, davon 70 %
Frauen. Anders als Drogen- oder Alkoholsucht verläuft
die Abhängigkeit von Medikamenten unauffällig, dis-
kret und kaum wahrnehmbar im Alltag. Sie wird daher
auch als „stille Sucht“ bezeichnet. Der Abhängigkeit
von Medikamenten liegt ein komplexes – individuelle
wie soziale Faktoren umfassendes – Ursachenge?echt
zugrunde. Medikamentenabhängigkeit kann nur in
einer gemeinsamen Anstrengung aller Beteiligten,
sowohl der Ärztinnen und Ärzte als auch der Apotheke-
rinnen und Apotheker und der Patientinnen und Patien-
ten entgegengewirkt werden.
Der Übergang zwischen Gebrauch und Missbrauch ist
oft ?ießend und deshalb besonders schwer zu erken-
nen. 5 % bis 6 % der häufig verordneten Arzneimittel
besitzen ein eigenes Suchtpotenzial. Alle psychotro-
pen Arzneimittel wie z. B. Schlafmittel und Tranquilizer
vom Benzodiazepin- und Barbitursäure-Typ, zentral wir-
kende Schmerzmittel, codeinhaltige Medikamente oder
auch Psychostimulanzien sind rezeptp?ichtig. Nach Stu-
dien werden rund ein Drittel dieser Mittel nicht wegen
akuter Probleme, sondern zur Vermeidung von Entzugs-
erscheinungen verordnet.
Benzodiazepine sind die Medikamentengruppe, deren
Konsumenten die größte Zahl der Medikamentenab-
hängigen stellt. Ihre Verordnungshäufigkeit bei gesetz-
lich Krankenversicherten war in den letzten Jahren
rückläufig. Dieses wird jedoch durch die zunehmenden
Verordnungen von Zolpidem und Zopiclon (Benzodia-
zepinrezeptoragonisten, Z-Drugs) sowie zunehmenden
Privatrezepten weitestgehend kompensiert.
Vor allem Frauen und ältere Menschen bekommen mehr
Medikamente mit einem Missbrauchspotenzial verord-
net und gebrauchen diese auch häufiger. Für die beson-
dere Betroffenheit von Frauen kommen unterschied-
liche Gründe in Betracht: Frauen leiden häufiger unter
den „Grundkrankheiten“ D epression, Angststörung
und chronische Schmerzen. Bei bestehenden psychi-
schen Belastungen bevorzugen Frauen Medikamente,
Männer hingegen haben eine höhere Neigung zum
Alkoholkonsum. Dieser Unterschied lässt sich vor allem
durch gesellschaftlich vermittelte Geschlechterrollen
erklären. Auch Appetitzügler werden häufiger von
Frauen eingenommen. Sie enthalten aufputschende
Wirkstoffe (Amphetamine oder deren Derivate), die zu
einer Abhängigkeit führen. Hier spielen ebenfalls gesell-
schaftlich vermittelte Schönheitsideale und Geschlechts-
rollen eine entscheidende Rolle. Frauen gehen generell
häufiger zum Arzt und konsumieren insgesamt mehr
Medikamente. Frauen sind häufiger Opfer sexuellen
Missbrauchs, der häufig zur Entwicklung einer Abhän-
gigkeit von psychotropen Substanzen führt.
Die sichere Feststellung einer Medikamentenabhängig-
keit ist im Einzelfall schwierig. Gerade bei älteren Men-
schen lässt sich die Grenze von risikoreichem Konsum
zur nachweisbaren Abhängigkeit unter anderem auf-
grund altersbedingter Veränderungen des Stoffwech-
sels nicht eindeutig festlegen.
Auswertungen von Langzeitverordnungen geben einen
Hinweis darauf, dass Verordnungen in dieser Alters-
gruppe besonders hoch sind. So erhalten bis zu 8 % der
Frauen über 70 Jahren eine Langzeitmedikation von
Benzodiazepinen. Im Bundes-Gesundheitssurvey 1998
wurde in der Gruppe der Teilnehmer im Alter von 60–79
Jahren bei 20,1 % ein Konsum von psychotropen Medi-
kamenten festgestellt. Um differenziertere Daten zu
erhalten, wird derzeit eine Studie am Robert Koch-Insti-
tut speziell zum Konsum von psychotropen Medikamen-
ten und Alkohol (Use of Psychotropic Drugs and Alcohol
among Non-Institutionalized Elderly Adults in Germany)